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Von KI bis Meditation: Im Dialog mit dem inneren Kind

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Der Ruf nach mehr Selbstliebe festigt sich seit jeher in unserer Gesellschaft. Was künstliche Intelligenz, ein Chatbot und Meditieren damit zu tun haben, sich selbst anzunehmen und das innere Kind zu heilen.

Künstliche Intelligenz als Portal zum inneren Kind

Als Erwachsener ein Echtzeit-Gespräch mit dem eigenen Teenager-Ich führen? Für Michelle Huang kein Problem. Die in New York lebende Programmiererin und Künstlerin fütterte eine Sprachverarbeitungssoftware mit ihren Teenager-Tagebüchern. Dank künstlicher Intelligenz hat sie so einen Chatbot geschaffen: Eine Art Messenger, der automatisch auf ihre Eingaben antwortet und dazu die Inhalte ihrer Tagebücher zurate zieht. Michelle kann also in Echtzeit mit ihrem Jugend-Ich kommunizieren. Die Antworten basieren auf etwa 40 Tagebucheinträgen, die sie im Alter von sieben bis 18 Jahren verfasste. Träume, Ängste und Geheimnisse – Inhalte ihres jugendlichen Lebens, die sie tagtäglich niederschrieb. Das Ergebnis: Empathische und bestärkende Antworten auf kritische Fragen. Besonders fasziniert war Michelle davon, dass sie in den Antworten ihr damaliges Ich erkannte. Solche Worte hätte sie in der Vergangenheit auch an ihre Mitmenschen gerichtet – dafür weniger an sich selbst. Das Gefühl, nicht immer zu genügen, begleitet die Künstlerin auch noch als Erwachsene und äußert sich in hohen Ansprüchen an die eigene Person. Umso emotionaler war es für sie, von ihrem inneren Kind Verständnis und Wertschätzung zu erfahren, sich emotional heilen – Dinge, die sie im Alltag ausblendet. Aber auch für ihre Kindversion fand Michelle liebevolle und heilende Worte, nach denen sie sich in ihrer Jugend sehnte. Schon seit Jahren beschäftigt sich Huang mit der Heilung ihres inneren Kindes. Doch erst diese Art der Kommunikation, die so real ist, revolutionierte für die Programmiererin die Verbindung zu sich selbst.

Inneres Kind
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Alle Bilder in diesem Artikel hat Melissa Huang mithilfe von künstlicher Intelligenz erschaffen.

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Ob mit oder ohne KI: Tagebucheinträge helfen dabei, negative Glaubenssätze durch positive zu ersetzen.

Eine Kindheit voller Prägungen

Ein rücksichtsvoller und bewusster Umgang mit sich selbst ist in der Theorie einfach. In der Praxis dagegen greifen wir in den seltensten Fällen darauf zurück – und die wenigstens von uns haben einen KI-Chatbot parat. Von Gefühlen geleitet, deren Herkunft wir selbst nicht zuordnen können, begreifen wir uns manchmal selbst nicht mehr. Welche Rolle spielt das innere Kind dabei? Die Wurzeln für emotionale Reaktionen sind in der Genetik verankert und wachsen in der Kindheit weiter. Die ersten sechs Lebensjahre prägen uns dabei am meisten. Als Neugeborenes ist das Gehirn des Menschen erst zu einem Viertel entwickelt. Im Wesentlichen kümmert sich das Säuglingshirn um Hungergefühle und dem Verlangen nach Nähe. Den Rest besorgt das Umfeld, insbesondere die Erziehung der Eltern prägt. Im Verhalten der Eltern erfahren wir auch, wie liebenswert wir sind und was wir dafür tun müssen. Diese frühkindlichen Prägungen bilden das Fundament, wie wir die Welt und uns selbst wahrnehmen.

Glaubenssätze und Schutzmechanismen

Unser Verhalten und der Umgang mit Situationen lassen sich meist auf die Kindheit zurückführen. Für negative Reaktionen, ob in Form von Gefühls-, Denk- und Verhaltensmustern, ist unser sogenanntes „Schattenkind“ verantwortlich. Dieses steht laut Psychologin Stefanie Stahl für negative Prägungen, die wir als Kind erfahren haben. Die Psychologie-Autorin von „Das Kind in dir muss Heimat finden“ ist überzeugt, dass selbst die schönste Jugend nicht ohne Schrammen verläuft. Emotionale Verletzungen erfahren alle Menschen in Kindertagen. Diese nehmen Einfluss auf unser späteres Verhalten – etwa in negativen Glaubenssätzen wie „Ich genüge nicht“ oder anderen Schutzmechanismen. Von den tief verwurzelten Verhaltens- und Gedankenmuster sind wir alle schon einmal von uns selbst konfrontiert worden. Oftmals äußern sie sich mit Perfektionismus, Hilflosigkeit und dauerhaftem Harmoniebedürfnis. Auch wenn wir uns durch solche Reaktionen eigentlich schützen möchten, erschweren uns diese Mechanismen das Leben. Statt die Eltern dafür verantwortlich zu machen, können wir selbst aktiv werden und uns heilen. Dafür müssen wir uns mit den Schattenseiten unseres Kindes auseinandersetzen und negative Glaubenssätze in positive umwandeln. Stahl nennt das Ergebnis der Transformation „Sonnenkind“. Auf dem Weg zum Sonnenkind finden wir Antworten, die uns dabei unterstützen, uns und unser Handeln besser zu verstehen und Schutzstrategien abzulegen. Dabei hilft der ausgeprägte Verstand eines Erwachsenen, der die Reflexion des eigenen Verhaltens ermöglicht.

Inneres Kind
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Von stärkend bis verletzend: Unsere Kindheit ist voller Prägungen – wir bestimmen, wie wir damit umgehen.

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Das innere Kind in den Arm zu nehmen hilft in den meisten Situationen, sein inneres Selbst besser zu verstehen und anzunehmen.

„Inner child meditation“ – mehr als ein TikTok-Trend

Durch den immer lauter werdenden Aufruf nach mehr Selbstliebe und persönlicher Entfaltung erlangt das Thema auch bei Jüngeren Aufmerksamkeit – vor allem auf Social Media. „Wenn ich super gemein zu mir selbst bin, erinnere ich mich daran, dass ich auch gemein über sie rede“ – mit diesen Worten und anschließenden Kinderfotos, wird das innere Kind in diesem Jahr zum Trend auf TikTok. Tausende von Nutzern schließen sich diesem an und teilen Fotos aus ihrer Kindheit unter dem #innerchild, der bisher ganze 1.5 Billionen Aufrufe auf dem Kanal hat. Darunter befinden sich auch angeleitete Meditationen im Kurzformat. Auch wenn solche Videos keine Psychotherapie ersetzen können, sind sie eine kleine Erinnerung daran, lieb zu sich selbst zu sein. Zudem schaffen sie ein Bewusstsein dafür, mit sich selbst achtsamer umzugehen. Auch wenn die schnelllebige und reizüberflutende Welt von TikTok nicht unbedingt der richtige Ort für eine Meditation ist, kann solcher Content inspirieren. So wird das ein oder andere Video mit #innerchild zum Anreiz, sich mehr mit dieser Thematik, sich selbst und der eignen Liebe zu befassen.

Kurse zur Heilung deines inneren Kindes

Statt durch das Anschauen von TikToks eine Heilung des eignen Kindes zu erwarten, können psychologisch geführte und fachkundige Kurse helfen. Sie geben Raum zum Hinterfragen von Verhaltensmustern sowie dem Führen eines inneren Dialogs mit dem Kind. Von Trauma-Aufarbeitung über Wissensaneignung bis hin zu Meditations-Einheiten: Das Angebot ist groß und die Herangehensweise immer wieder eine andere. Diese drei Kurse legen den Fokus auf unterschiedliche Schwerpunkte. Das Ziel bleibt dasselbe– das innere Kind zu heilen.

Kurs 1 – „Achtsamkeitsakademie“ mit Fokus auf Meditation

Kurse der Achtsamkeitsakademie, die der Psychologe und Coach Peter Beer 2015 ins Leben rief, vereinen Theorie und Praxis mit täglich geführter Meditation. Eine regelmäßige Meditation hat den Vorteil, positive Glaubenssätze im Bewusstsein zu verankern, während der Fokus auf das Innere gerichtet ist. Ein behutsamer Prozess, der Geduld erfordert.

Kurs 2 – „Sinnsucher“ mit Fokus auf Lösestrategien

Stefanie Stahl bietet einen Online-Workshop an, in dem individuelle Lösungsstrategien gefunden werden. Während der Transformation von Schatten- zu Sonnenkind, werden verdrängte Gefühle wie Angst aufgearbeitet.

Kurs 3 – „Frieden für dich und dein inneres Kind“ mit Fokus auf Traumatherapie

Wer sich tiefgehend mit dem ein oder anderem Trauma aus der Kindheit befassen und dieses bewältigen möchte, dem kann der Kurs „Frieden für dich und dein inneres Kind“ von Verena König helfen. Die Traumtherapeutin sowie Spiegelbestseller-Autorin bietet eine Mischung aus Theorie und Übungen, Traumaufarbeitung sowie Meditationen. Diese Kombination soll helfen, traumatische Erlebnisse hinter sich zu lassen und die Verbindung zu sich selbst zu intensivieren.

Egal ob auf TikTok, mit Tagebucheinträgen oder in einem angeleiteten Kurs: Das innere Kind ist in uns allen und ist ein Weg zu mehr Lebensfreude, gesunden Verhaltensmustern und der Liebe zu sich selbst. Die Arbeit mit dem inneren Kind kann herausfordernd, aber auch heilsam sein. Und manchmal ist der Schlüssel zu mehr Achtsamkeit ein KI-Chatbot.

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