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Urban Gardening: Mehr Grün ins Grau

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Im niederländischen Oosterwold gehen urbane Landwirtschaft und modernes Wohnen Hand in Hand: Ein Beispiel für nachhaltiges Wohnen der Zukunft.

Visionär urban leben – das Projekt „Oosterwold“

Das Projekt Oosterwold unterscheidet sich vom landläufig bekannten „Urban Gardening“ und geht den Schritt weiter, den es braucht, um es zu einem gelebten gesellschaftlichen Nachhaltigkeitstrend zu machen. Der Urgedanke von Urban Gardening: Grün ins Graue bringen. Kleine Flächen in der Stadt sollen Bewohner in Eigenleistung und ehrenamtlich nutzen, um Gemüse, Obst, Kräuter und Blumen anzupflanzen.

In Oosterwold, nahe Amsterdam, ist mindestens die Hälfte jedes Grundstücks für urbanes Gärtnern reserviert. Der Grund: Urban Gardening tut gut – den Bewohnern, der Umwelt und der Geldbörse. Durch die Bewegung an der frischen Luft wird der Körper besser mit Sauerstoff versorgt. Tätigkeiten wie Jäten oder Gießen sind nahezu meditativ und entspannen. Zudem lernen Bewohner insbesondere bei Gemeinschaftsgärten neue Leute kennen, können sich austauschen. Der wichtigste Benefit: Selbstangebautes Obst und Gemüse schmeckt mindestens doppelt so gut wie das Pendant aus dem Supermarkt. Der Stolz, die eigene Ernte in den Händen zu halten, hilft obendrein dem Selbstwertgefühl. Last but not least: Dass Pflanzen dem Klima helfen, indem sie schädliches CO2 binden, erklärt sich von selbst. Deswegen ist in Oosterwold Urban Gardening Pflicht – für alle 15.000 Wohnhäuser auf der Fläche der Siedlung, die etwa 6.000 Fußballfelder groß ist.

„Für die Projektregion Oosterwold wollten wir etwas Neuartiges schaffen. Hier soll jeder die Möglichkeiten haben, ein Eigenheim nach seinen Vorstellungen zu bauen und das Grundstück sowie die Region in Eigenregie zu gestalten“ erklärt Klaas Hofmann, Projektleiter des Pilot-Stadtteils. In den Niederlanden ist es üblich, dass alles sehr stark von den zuständigen Behörden reguliert ist – Top-Down-Prinzip. Das gilt auch für Hausbauprojekte und Wohnanlagen. „Mit dem Projekt Oosterwold folgten wir einem Aufruf der Stadt Almere, eine Anlage für eine große Anzahl an Häusern zu planen – wo wir jedem Bewohner ein großes Stück Freiheit geben, das ist in den Niederlanden in dieser Form einmalig.“

Mit der gestalterischen Freiheit geht jedoch auch eine hohe Eigenverantwortung einher. Die Bewohner der Projektregion müssen sich auf angemessene Vorgehensweisen einigen, z.B. in Bezug auf die Infrastruktur: Wo sollen Straßen entstehen? Welche Energiequellen wollen sie nutzen und wie? Wie soll das Abfallsystem aussehen?

Ausgangspunkt für Oosterwold war 2008 ein Auftrag der Stadt Almere, den Wohnraum in der Region zu vergrößern. In Folge der Finanzkrise fehlte der Stadt das Geld für eine eigene Planungsinitiative. Das Unternehmen MVRDV, für das auch Klaas Hofman arbeitet, sollte einen Entwicklungsentwurf vorlegen. „Wir entwickelten kein Design, keinen Masterplan, wie wir es sonst gewohnt sind. Wir wollten so viel Entscheidungsfreiheit wie möglich in die Hände der Bewohner legen. Daher sprechen wir von einer ‚strategischen Vision‘“, erinnert sich Projektierer Klaas Hofman.

Nachhaltig Bauen: Ökologische Baustoffe und Co

Auch im Innern der Häuser legen die Bewohner großen Wert auf Nachhaltigkeit: Naturbaustoffe treffen auf Pflanzen und große Fensterfronten.

Urban Gardening Almere, Oosterwold
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Natur-Biotope, Solardächer, begrünte Dächer: Die Pilotsiedlung in Sachen Urban Gardening zeigt, wie das Nachhaltige Bauen der Zukunft geht.

Die Hälfte jedes Grundstücks für urbane Landwirtschaft

Als eines der zentralen Merkmale von Oosterwold sticht die riesige offene Grünfläche hervor – Urban Gardening mal anders. Auch hier gibt die Kommune nur wenige Vorgaben und überlässt den Großteil der Entscheidungen den Bewohnern. So entsteht eine organisch wachsende, gemeinschaftlich organisierte Region. „Die Stadt-Farmer von Oosterwold müssen auf mindestens fünfzig Prozent ihres Grundstücks Lebensmittel anbauen. In der Praxis bedeutet das etwa 1.800 Hektar städtische landwirtschaftliche Nutzfläche. Und das hat es noch nie gegeben“, erklärt Jori Faber, Kommunikationsbeauftragter der Stadt Almere.

„Durch die urbane Landwirtschaft in Oosterwold werden Lebensmittelproduktion und -konsum näher zusammengebracht und aufeinander abgestimmt; Obst und Gemüse sind saisonale Produkte, und sie werden bei den Bewohnern selbst oder in der Nähe angebaut“, sagt Jori weiter.

Einige Bewohner gehen sogar noch einen weiteren Schritt: Sie haben die Coöperatie Stadslandbouw Oosterwold gegründet – zu deutsch: Die Kooperative Urbane Landwirtschaft Oosterwold – eine Vereinigung, in der sie gemeinschaftlich Urban Gardening betreiben. Jori Faber berichtet sichtlich begeistert: „Sie alle bauen Obst und Gemüse auf ihrem eigenen Land an und verkaufen es als eine Gemeinschaft auf dem lokalen Markt. Sie beweisen, dass dies weder zeitaufwendig noch schwierig sein muss. Es macht viel Spaß – und wenn man es gemeinsam macht, ist es viel einfacher.“ Alle geben sich untereinander Tipps, lernen von den Nachbarn. Das gemeinsame Gärtnern bringt nicht nur Vorteile für die Bewohner, sondern kommt auch der Region selbst zugute. „Almere hat sich zum Ziel gesetzt, in Zukunft zehn Prozent seines Lebensmittelbedarfs aus Oosterwold zu beziehen. Die Kooperative ist der erste Schritt in diese Richtung“, ergänzt Jori. Zehn Prozent – das klingt erst einmal nicht viel. Bei einer Einwohnerzahl von rund 196.000 Einwohnern sind das jedoch schon 19.600 Personen, die von den Stadt-Farmern versorgt werden wollen. Blicken wir auf Oosterwold sollen hier bis 2033 rund 15.000 Häuser stehen. Damit versorgt im Schnitt ein Haushalt von Oosterwold mehr als 1,3 Einwohner von Almere. Das Prinzip Urbane Landwirtschaft schafft damit auch eine gewisse Unabhängigkeit von externen Lebensmittelversorgern.

Die Zukunft von Urban Gardening?

Das Projekt Oosterwold geht weiter als landläufige Urban-Gardining-Projekte. Es bietet so eine spannende Zukunftsperspektive: Auf der einen Seite zeichnet sich die Region durch „High Quality Suburban Houses“ aus, wie Klaas Hofman die Eigenheime nennt. Eine hohe Eigenverantwortung und viel Freiheit in der Ausgestaltung der Wohnanlage macht die Region einzigartig in den Niederlanden. Auf der anderen Seite konzipierten die Projektierer eine große Anzahl an privat sowie gemeinschaftlich nutzbaren Grünflächen. Ob sie die Parzellen zur privaten Selbstversorgung nutzen oder eine gemeinschaftliche Bewirtschaftung vorziehen, bleibt den Bewohnern jeweils selbst überlassen.

Diese Mischung aus Freiheit und Eigenverantwortung macht aus Urban Gardening auch auf gesellschaftlicher Ebene eine zukunftsfähige Idee.

Urban Gardening Projekte in Deutschland

Auch in der Bundesrepublik wird Urban Gardening in allerhand Facetten umgesetzt. In den meisten deutschen Großstädten findest du Urban Gardening Projekte – wir stellen drei davon vor:

  1. Gartendeck aus Hamburg: Auf einer Grünfläche hinter dem ehemaligen israelitischen Krankenhaus in St. Pauli findest du unseren urbanen Garten – ein Ort, an dem gemeinschaftliche Strukturen wiederbelebt werden: kennenlernen, gemeinsam gärtnern und damit St. Pauli gestalten – das ist das Ziel des Projekts, an dem jede:r gerne mitwirken kann.
  2. Kölner NeuLand: Der NeuLand-Gemeinschaftsgarten zwischen den Kölner Stadtteilen Südstadt und Bayenthal bringt ein Stück Landleben in die Stadt: Tomaten ziehen, Feldsalat säen, Erdbeeren pflücken oder Grünkohl ernten – im Austausch mit anderen lernst du hier, wie Anbau und Selbstversorgung funktionieren.
  3. Prinzessinnengarten Kollektiv Berlin: Der Gemeinschaftsgarten auf dem Neuen St. Jacobi Friedhof in Neukölln lädt Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen ein, Natur zu erleben: Neben Säen, Pflanzen, Ernten und Saatgut gewinnen geht es hier auch um das Halten von Bienen oder den Aufbau eines Wurmkomposts.

Wer bereits einen eigenen Garten hat oder sich in großen Gruppen unwohl fühlt, der sollte einmal auf der Seite Gartenparten.org stöbern. Auf diesem Portal finden sich Privatpersonen, die einen eigenen Garten haben, diesen teilen möchten oder Hilfe bei bestimmten Gartenarbeiten brauchen.

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