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Metropolen von morgen: Wo es sich wie am besten lebt

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Viele Städte weltweit bezeichnen sich als „nachhaltig“. Es gibt sogar Rankings der nachhaltigsten Städte. Welche Sie warum besuchen sollten und was nachhaltige Städte überhaupt ausmacht: ein Überblick

Wer einen Platz an der Sonne sucht, ist in Freiburg richtig: Hier scheint an durchschnittlich 1800 Stunden im Jahr die Sonne – das sind ungefähr 145 Tage. Doch die Stadt und ihre Bewohner genießen das gute Wetter nicht nur, sie nutzen es auch: Bereits in den 70er-Jahren hat sich Freiburg auf den Weg gemacht, eine umweltfreundliche Stadt zu werden. Klimaneutralität will man hier schon 2038 erreichen – sieben Jahre vor dem Rest Deutschlands.

Dafür wurden schon zahlreiche Projekte umgesetzt, die Freiburg zum Vorreiter und weltweit als „Green City Freiburg“ bekannt gemacht haben: Das neue Rathaus ist das erste öffentliche Gebäude mit Null-Energie-Konzept, auf dem Dach des Fußballstadions befindet sich eine der weltweit größten Solaranlagen und im Westen der Stadt entsteht ein klimaneutraler Stadtteil, der sich mit Abwärme aus einem Abwasserkanal, Wärmepumpen und Photovoltaik-Energie versorgt. Innerhalb der Stadt wurden Plätze und Räume mit einer hohen Aufenthaltsqualität geschaffen. Bundesstraßen führen jetzt durch den Stadttunnel, dafür gibt es überall Radwege und extra geschaffene Gemeinschaftsräume in Mietwohnungskomplexen. Damit noch weniger Menschen Auto fahren, sieht das Freiburger Konzept einer „Stadt der kurzen Wege“ vor, Infrastrukturen wie Läden, Kindergärten und Grünflächen für alle fußläufig erreichbar zu machen. Die nächste Straßenbahnhaltestelle soll maximal in 400 Metern Entfernung liegen.

Ein grünes Stadtkonzept, dass für Bewohner und Besucher aufgeht: Der Reiseführer Lonely Planet’s Best in Travel 2022 kürte Freiburg zu den Top Reisezielen 2022 und setzte die südlichste Großstadt Deutschlands wegen ihrer „beneidenswert hohen Lebensqualität“ auf Platz drei, direkt hinter Auckland (Neuseeland) und Taipeh (Taiwan). Unter anderem wegen ihres smarten öffentlichen Verkehrssystems, dem hohen Anteil an Fahrradfahrern, der vielen Grünflächen und Europas größtem Solarforschungsinstitut (Green Industry Park) könne die „charismatische, umweltbewusste Schwarzwaldmetropole vielen von uns noch ein paar Tricks zeigen, wie man verantwortungsbewusst lebt“.

Die Nachhaltigkeitsstädte der Welt

Viele Städte weltweit entwickeln sich zu Nachhaltigkeitsstädten. Wir haben alle Rankings miteinander verglichen ­- und diese Metropolen gehören zu den vorbildlichsten

Nachhaltigkeitsstadt KOPENHAGEN

Es gibt dort fünfmal so viele Fahrräder wie Autos. Die Fahrradinfrastruktur wurde von der Stadtverwaltung dermaßen gut ausgebaut, sicher und attraktiv gestaltet, dass über die Hälfte der Einwohner per Rad pendelt – und das bei jedem Wetter.

Nachhaltigkeitsstadt REYJKAVIK

Reykjavik setzt auf Wasserstoffbusse und Elektrofahrzeuge und ruft die Bewohner dazu auf, sich zu Fuß oder per Fahrrad fortzubewegen. Die Stadt beteiligt die Bevölkerung an der Stadtgestaltung. „Es geht um eine bessere Verwendung der Steuergelder und darum, das soziale Leben in der Stadt zu bereichern“, sagt Robert Bjarnason, Mitgründer der Citizens Foundation in Island.

Nachhaltigkeitsstadt SINGAPUR

Singapur ist die nachhaltigste Stadt in Asien, bietet vorbildliches Wassermanagement und ist sehr grün:  50 Prozent der Stadt sind Grünflächen, dazu kommen etwa 72 Hektar an Dachgärten und Wandbegrünung. Singapur gilt auch als die sauberste Stadt der Welt, was allerdings einer sehr rigorosen Politik zu verdanken ist: Auf Rauchen, Essen und das Wegwerfen von Müll in der Öffentlichkeit stehen hohe Geldstrafen. Schilder weisen überall in der Stadt darauf hin. Öffentliche Angestellte reinigen zusätzlich die Gehsteige. Mit einem Luftverschmutzungsindex zwischen 25 und 70 befindet sich Singapur im grün-gelben Bereich (gute Luftqualität =0-50) und steht damit weitaus besser da als die meisten anderen asiatischen Großstädte.

Nachhaltigkeitsstadt ZÜRICH

Zürich hat sich gesetzlich zu einer nachhaltigen Entwicklung verpflichtet. Ein hocheffizientes öffentliches Verkehrsnetz macht Zürich zu einer „Stadt der kurzen Wege“. Hinzu kommen viele Radwege und Tempo 30-Zonen. Fußgängerfreundliche Stadträume sind bereits Realität.

Nachhaltigkeitsstadt PORTLAND

In Portland unterstützen gut ausgebaute Radwege, Rideshare-Systeme und attraktive öffentliche Verkehrsmittel die Nachhaltigkeitskultur so gut, dass ein Viertel der Einwohner ohne Auto pendelt.

Nachhaltigkeitsstadt SAN FRANCISCO

San Francisco schreibt vor, dass über 10 Prozent der Parkplätze Ladestationen für Elektroautos haben müssen. Außerdem arbeitet die Stadt seit 2003 an einer Null-Abfall-Strategie und ist damit Vorreiter in den USA in Sachen Recycling, Kompostierung und Müllreduzierung. Das 2002 gesetzte Ziel, bis 2010 etwa 75 Prozent der Abfälle zu verwerten, wurde laut der US Environmental Protection agengy bereits zwei Jahre früher erreicht, seit 2006 ist eine Verordnung in Kraft, die die Verwertung von Bauschutt vorschreibt. Das ambitionierte Ziel „Zero-Waste bis 2020“ wurde zwar dennoch auf 2030 verschoben – die Anstrengungen sind aber so vorbildlich, dass San Francisco alle anderen Städte hinter sich lässt.

Nachhaltigkeitsstadt VANCOUVER

Vancouver lebt von einer grünen Wirtschaft: Lokal angebaute Lebensmittel, grüne Arbeitsplätze und ein ambitionierter Plan, bis 2030 nur noch emissionsfreie Gebäude zu bauen tragen dazu bei, dass Vancouver die Stadt mit den geringsten Treibhausgas-Emissionen in Nordamerika ist. Der Zero Emissions Building Plan (ZEB) wurde 2016 eingeführt und basiert auf hoch energieeffizienten Häusern, die ausschließlich erneuerbare Energien nutzen. C40, eine Klimakoalition der größten Städte der Welt, hat dies als die strengste Bauvorschrift in Nordamerika für eine Stadt mit kaltem Klima anerkannt – New York und London haben Vancouver bei dem Konzept schon über die Schulter geschaut

Nachhaltigkeitsstadt BERLIN

Berlin punktet mit Grünflächen: Sie nehmen ein Drittel der Stadt ein, davon ist die Hälfte Wald. Ladestationen für Elektroautos sowie eine lebendige Urban Gardening- und Upcycling-Kultur machen Berlin zur grünen Trendmetropole.

Sustainable Cities
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Über den Dächern von Vancouver: Blick auf ein vegetarisches Restaurant mit eigenem Nutzgarten – in schwindelerregender Höhe

Sustainable Cities: Reykjavik
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Unterwegs in Reykjavik: In der Isländischen Hauptstadt ist man vor allem zu Fuß unterwegs

Was sind Nachhaltigkeitsstädte („Sustainable Cities“)?

Noch gibt es keine offizielle internationale Norm, bei deren Einhaltung sich eine Stadt „nachhaltig“ nennen darf. Allgemein versteht man darunter Städte, die das menschliche Wohlbefinden und die soziale Gerechtigkeit stärken, die natürlichen Lebensgrundlagen für Menschen, Tiere und Pflanzen erhalten und gleichzeitig wirtschaftlich leistungsfähig sind.

Es gibt praxisorientierte Ansätze und Leitfäden – in Deutschland zum Beispiel vom Bundesministerium für Zusammenarbeit und Entwicklung, aber auch von den Vereinten Nationen – die Städten und Gemeinden helfen, die so genannten Sustainable Development Goals, also nachhaltige Entwicklungsziele, zu erreichen. Denn: „Der Kampf um das Klima wird in Städten gewonnen oder verloren“, sagt Patricia Espinosa, Generalsekretärin der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen.

Architektur, Soziales, Natur: 7 Kriterien für nachhaltige Städte

  1. Umweltfreundlichen Verkehr, einfache Fortbewegung ohne Auto: Dafür braucht es ein Netz aus sicheren Radwegen, sowie effiziente öffentliche Verkehrsmittel, sichere und angenehme Fußwege sowie Ladestationen für Elektroautos in den Vierteln, wo sich Autos nicht vermeiden lassen.
    Das führt zu: weniger Lärm, besserer Luft, weniger Stress, gesünderen Anwohnern.
    Dieser Punkt ist besonders wichtig, wenn man bedenkt, dass laut der Vereinten Nationen 9 von 10 Stadtbewohnern weltweit Luft einatmen, die nicht den Qualitätsstandards der Weltgesundheitsorganisation entspricht.
  2. Viele gut erreichbare Grünflächen: Sie verbessern spürbar das Wohlbefinden und die Lebensqualität, vermindern Stress und motivieren zur Fortbewegung ohne Auto. Denn wenn der Weg zur Arbeit durch einen schönen Park führt, läuft man lieber, anstatt mit dem Auto vorbeizufahren. Und: Wer Grünflächen vor der Tür hat, fährt in der Freizeit nicht kilometerweit, um sich zu erholen.
    Das führt zu: besserer Luft, weniger Stress, gesünderen und glücklicheren Menschen, weniger Verkehrsaufkommen.
  3. Nachhaltiges Wassermanagement: Auch in Mitteleuropa wird Wasser in manchen Monaten knapp. Eine nachhaltige Stadt investiert daher in ihre Wasserleitungsnetze, damit Lecks sofort gemeldet und repariert werden. Bildungsmaßnahmen und Anreize für die Bevölkerung, Wasser zu sparen, sind ebenso wichtig wie effizient bewässerte öffentliche Flächen und eine funktionierende Wasseraufbereitung.
    Das führt zu: weniger Grundwasserentnahme, weniger Wasserknappheit, mehr verfügbares Wasser für die Erholung und letztendlich einer höheren Lebensqualität dank eines besseren Mikroklimas.
  4. Grüne Architektur: Sie geht Hand in Hand mit dem Wassermanagement, denn wo Gebäude begrünt sind, ist es kühler. Begrünte Fassaden und Dächer wirken wie Klimaanlagen. So wird weniger Wasser für die städtische Bewässerung gebraucht.
    Das führt zu: besserer Luft, Energieeinsparung, gesünderer und glücklicherer Bevölkerung.
  5. Nachhaltiges Abfallmanagement und Förderung von Recycling: Wir alle produzieren täglich Müll. Weltweit werden die Menschen sich dieses Problems immer bewusster, sodass vielerorts private Initiativen und Unternehmen Tauschbörsen, Reparaturen und Second-Hand-Verkauf sowie Unverpacktläden und Recycling anbieten. Städte müssen deswegen auf ein effizientes Abfallmanagement, Kreislaufwirtschaft, Umweltstandards bei den Verpackungsmaterialien und Bildungsmaßnahmen setzen.
    Das führt zu: weniger Flächenverbrauch für Abfallentsorgung, Ressourcenschutz.
  6. Urban Gardening and Farming: Nachhaltige Städte sind nicht nur im Großen grün, sondern auch im Kleinen. Das „Urban Farming“ – landwirtschaftlichen Anbau im Mini-Format mitten in der Stadt – ist in vielen Mega-Metropolen in den Fokus gerückt. Es wertet Viertel und Brachflächen jeder Größe auf und bringt Menschen zusammen. Kommunen, die die Nachhaltigkeit vorantreiben möchten, setzen aktiv auf Urban Gardening, um den Anstoß zu einer neuen, nachhaltigeren Stadtkultur zu geben. „Wenn man von einer schönen Stadt sprach, dann meinte man bisher immer Beton, Stein und hübsche Straßenpflaster. Aber die Gärten sind viel schöner – und produktiver noch dazu“, sagt Diego Gutierrez, Urban Gardener in Bogotá. Seine Mitstreiterin Mariela Pardo ergänzt: „Diese Arbeit ist gut für meine Gesundheit und macht meinen Kopf frei.“
  7. Aktives Sozialleben: Urban Gardening zeigt, dass zu einer nachhaltigen Stadt auch gesunde soziale Strukturen zählen. Nachhaltige Städte kümmern sich daher auch um den Zusammenhalt der Bevölkerung, die Aufwertung von Vierteln ohne Gentrifizierung, und die Erschließung ungenutzter Flächen und Gebäude für ein attraktiveres Leben in der Nachbarschaft – etwa durch die Förderung von Grünflächen, Gemeindezentren, Angebote für verschiedene Generationen, Bildung, lokale Geschäfte und Kleinunternehmen. Die Bürger einer nachhaltigen Stadt werden außerdem in die Stadtplanung eingebunden.

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