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Zeitgeist

Moos: Das grüne Naturtalent

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Auf vielen Rasen gilt Moos als Unkraut. Beim Waldspaziergang bekommt es selten Beachtung. Völlig unverdient – denn Moos ist eine nachhaltige Powerpflanze

Liang Wu und Peter Sänger hatten genug von „dicker Luft“. Die beiden Freunde kamen auf ihren Reisen durch Asien und Südeuropa immer wieder mit den Folgen Luftverschmutzung in Berührung. Unabhängig voneinander. Doch brachte sie das auf eine gemeinsame Idee – in Großstädten mit einem sogenannten CityTree für mehr frische Luft zu sorgen: Ein Biotop-Feinstaubfilter aus Holz, Moos und einer Menge Technik. Dazu gründeten sie 2014 ihre eigene Firma „Green City Solutions“ in Dresden. Mit einem Expert:innenteam aus Gartenbau, Biologie, Informatik, Architektur und Maschinenbau forschten sie nach einer intelligenten Kombination aus Natur und Technologie. Erfolgreich – denn die CityTrees kommen da zum Einsatz, wo Bäume mangels Lichts und Erde nicht wachsen können. Direkt am Moos filtern sie bis zu 82 Prozent des Feinstaubes aus der Luft. Außerdem kühlen sie die Umgebungsluft um bis zu vier Grad Celsius und sind ein Biotop für Tiere und Pflanzen. Liang Wu sagt: „Unser Produkt reinigt die Luft für bis zu 7.000 Menschen stündlich.“ Inzwischen hat das Start-up mehr als 50 CityTree-Projekte in Europa realisiert und mehr als 25 Auszeichnungen und Preise damit gewonnen.
Der Protagonist des CityTrees: das Moos. Wenn Moos ein Mensch wäre, würde man über ihn vermutlich sagen: Stille Wasser sind tief. Denn das unscheinbare Gewächs verfügt über zahlreiche Talente, die sich auf den ersten Blick nicht zeigen.

Moos macht Luft sauber
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Moos nutzt Feinstaub als Nahrung, baut ihn dank Mikroorganismen ab und lagert den Rest im Sediment des Mooses ein.

Moos als Feinstaubfilter
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In der Moosfarm von Green City Solutions wachsen Moosteppiche in nur 12 Wochen – und er Natur bräuchte das Moos dafür vier Jahre.

Moos filtert Luft
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Die Kombination von Moos mit Sensoren, intelligenter Ventilation, Bewässerung und Software steigert die natürliche Reinigungsleistung des Mooses und macht diese nutz- und messbar.

Moos als Luftfilter
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Der CityTree von Green City Solutions ist der weltweit erste Biotech-Feinstaubfilter für urbane Räume.

7 Moos-Fakten

1. Moos ist ein Überlebenskünstler – und steinalt

Moos kann selbst bis zu 10.000 Jahre alt werden und existiert schon seit 400 Millionen Jahren. Damit hat es die Dinosaurier überlebt. Genau genommen gelten Moose als die ältesten Landpflanzen. Sie stehen dabei in direkter Abstammung von den Algen.

2. Moos als Hoffnungsträger bei chronischen Schmerzen

Das Lebermoos zeichnet sich besonders aus, denn es ist auch ein Schmerzstiller. Dafür verantwortlich ist das im Lebermoos enthaltene sogenannte Perrottetinen. Dieser Stoff ähnelt auf molekularer Ebene dem THC, ein Inhaltsstoff der Hanfpflanzen. THC wirkt entzündungshemmend und schmerzstillend. Das sind Gründe, warum das medizinische Potential von THC schon lange diskutiert wird, jedoch steht THC wegen seiner stark psychoaktiven Wirkung auch in der Kritik. Perrottetinen besitzen einen sehr ähnlichen Wirkmechanismus wie das THC, da sie die Cannabinoid-Rezeptoren aktivieren. Damit werden entzündliche Prozesse im Gehirn blockiert. Es wirkt aber viel weniger psychoaktiv. Moos könnte das Hanf in seiner medizinischen Wirkung tatsächlich übertreffen. „Es ist erstaunlich, dass nur zwei Pflanzengattungen, die 300 Millionen Jahre in der Entwicklungsgeschichte auseinanderliegen, psychoaktive Cannabinoide produzieren“, sagt Jürg Gertsch vom Institut für Biochemie und Molekulare Medizin der Universität Bern.

3. Moos ist gut für die Haut

Moos wirkt keimtötend. Aus dem Grund kann das Auflegen von Moos helfen, Wunden zu heilen sowie Verbrennungen, Blasen und Ausschläge zu lindern. Auch wird es zunehmend dafür eingesetzt, Falten zu reduzieren. Dafür wird Moos verarbeitet, extrahiert und zu Salben verarbeitet.

Moos: Nachhaltiger Baustoff
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Moos neutralisiert nicht nur Keime, es hat auch einen heilenden Effekt für die Haut. Daher wird es zunehmend als Extrakt in Salben eingesetzt, die Falten reduzieren sollen

Moos: Nachhaltiger Baustoff
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Moos reinigt die Luft und wirkt wärmedämmend – eine Eigenschaft, die man auch im Innenbereich nutzen kann. So experimentieren Forscher derzeit mit einer Moostapete

4. Moos ist ein Wasserfilter

Moos speichert Wasser und filtert es. Daher kann man das im Moos enthaltene Wasser beim Waldspaziergang nahezu bedenkenlos trinken. Manche Naturvölker nutzen Moos wegen seiner Saugkraft in Kombination mit den antibakteriellen Eigenschaften auch als Menstruationsbinden, Babywindeln und Toilettenpapier. Auch laufen Forschungen, inwieweit Moos in Klärwerken eingesetzt werden kann – insbesondere gegen Arzneimittelbestandteile und Chemikalien.

5. Moos kann die Luft reinigen

Moos ist ein Staubfilter und kann Schadstoffe aus der Luft binden. Das macht Moos attraktiv als Rasenersatz, insbesondere an Autobahnen. Dazu werden Moosmatten gezüchtet, die bis zu 75 Prozent des Feinstaubs aufnehmen können. Auch wurden bereits sogenannte „City Trees“ entwickelt. Das sind Aufsteller, die mit Moos ausgekleidet sind und so die innerstädtische Luft verbessern können. Dabei geben sie die Schadstoffe nicht wieder ab, sie „verdauen“ den Dreck geradezu. Auch in der Baubranche gewinnt Moos zur Fassadenbegründung gegen die Luftverschmutzung an Interesse. Dafür werden spezielle Platten entwickelt, auf denen das Moos gedeihen kann, ohne die Hauswand anzugreifen. Angenehmer Nebeneffekt: Dabei wirkt das Moos wärmedämmend – bis zu 20 Prozent besser als eine verputzte Hauswand. Diese Eigenschaften lassen sich auch im Innenbereich nutzen. Derzeit experimentieren Forscher mit einer Moostapete.

6. Moos bekämpft Schädlinge

Moos hat fungizide Eigenschaften – das bedeutet, es kann Pilze bekämpfen. In einer Studie des Botanischen Institut in Bonn wurden in einem Gewächshaus Nutzpflanzen, wie Gurke, Tomate oder Getreide, mit Moosextrakten behandelt. Ergebnis: Das Moosextrakt hielt nicht nur Pilze und Sporen ab, sondern auch Schnecken. „Die Inhaltsstoffe der Moose sind offenbar nicht giftig, sie verderben diesen Tieren nur den Appetit, wie Versuche mit Nacktschnecken ergaben“, so Prof. Dr. Jan-Peter Frahm, einer der führenden Experten im Gebiet der Moosforschung.

7. Moos kann Strom erzeugen

Bekannt ist, dass Pflanzen Kohlendioxid durch die Photosynthese in Sauerstoff umwandeln. Weniger bekannt: Während dieser Transformation werden zusätzlich Elektronen frei, die sich auffangen lassen – und dieser Vorgang lässt sich zur Stromerzeugung nutzen. Forschende haben festgestellt, dass Moos dafür besonders prädestiniert ist. Es ist in Experimenten bereits gelungen, das erste Moos-Radio der Welt zu entwickeln. Die Wissenschaft geht davon aus, dass sich dieses Prinzip in den nächsten Jahren kommerziell nutzen lassen wird.

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