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Psychologie

Wofür es sich zu leben lohnt: Ikigai, die Lebenskunst Japans

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Ikigai bedeutet Leben (Iki) und Sinn (gai), also so viel wie „Wofür es sich zu leben lohnt“. Es ist eine andere Art, dem Leben zu begegnen, als wie wir sie aus der westlichen Welt kennen. Doch wir besitzen alle das Potenzial für Ikigai – wie Neurowissenschaftler und Autor Ken Mogi mit seinem Buch „Ikigai: Die japanische Lebenskunst“ zeigt.

Ikigai und seine Bedeutung fürs Leben

Wir alle haben uns schon einmal die Frage gestellt: „Was ist der Sinn des Lebens?“. Dabei müsste die Frage lauten „Worin liegt der Sinn für mein Leben“? Ikigai ist die Antwort auf diese Frage. Das Konzept des Ikigais ist tief verwurzelt in der japanischen Philosophie und wird seit der Entstehung im 14. Jahrhundert immer wieder etwas anders interpretiert. Der Kern, also die Frage nach dem eigenen Lebenssinn, bleibt dabei gleich. Zudem soll es nicht allein unsere Lebensfreude und Wohlbefinden, sondern auch die Gesundheit beeinflussen. Auf der japanischen Insel Okinawa wird seit Anbeginn von Ikigai die Philosophie gelebt, gleichzeitig gilt die Insel als Ort mit den weltweit meisten Hundertjährigen.

Aber auch in in unserem Leben befindet sich bereits Ikigai, es kann von der Tasse Kaffee am Morgen bis hin zur beruflichen Karriere reichen – wobei nicht der Erfolg Antrieb und Ziel ist. Auch nicht das Geld und die Anerkennung anderer. Was beide doch so unterschiedlichen Situationen verbindet, ist die Freude an der Aktion, an dem Moment. Für beides kann es sich zu leben lohnen. Die Tasse Kaffee kann der Grund am Morgen sein, aufzustehen, ebenso wie der Beruf oder die Familie. Wie Ken Mogi in seinem Buch schreibt, ist „Ikigai auf der individuellen Ebene ein Motivationsgebäude, das uns antreibt und uns dabei hilft, morgens aufzustehen und die Arbeit zu verrichten.“ Ikigai kann also für jeden etwas anderes sein; manchmal muss man die kleinen Freuden des Alltags bewusst entdecken, manchmal erst finden und manchmal neu kreieren. Man muss nicht nur ein Ikigai in seinem Leben haben – Mogi selbst hat sein Ikigai im Laufen, im Erforschen des Gehirns und im Hören seiner Lieblingssongs gefunden.

Die 5 Säulen des Ikigais nach Ken Mogi

Für Mogi setzt sich Ikigai aus mehreren Säulen zusammen. Dabei beruhen sie weder auf einer Reihenfolge, noch hat eine Säule eine höhere Gewichtung als die andere. Lebt man diese, findet man auch sein Ikigai und damit seinen Sinn fürs glückliche Leben.

1. Klein anfangen

300 Meter statt 3 km laufen, nur ein Beispiel dafür, was klein anfangen bedeutet. Wenn wir uns ernsthaft für eine Sache entscheiden, wollen wir dranbleiben und nicht durch zu große Ziele oder scheinbare Unmöglichkeiten, das Interesse daran verlieren. Dabei ist der erste Schritt gleich viel „wert“ wie der letzte.

Das Gute in jungen Jahren: unsere Offenheit und Neugierde als Treibstoff zum Beispiel in der Position als Berufseinsteiger:in.  Zwei Eigenschaften, die uns schon in der Kindheit angetrieben und zur rasanten Entwicklung beigetragen haben.

2. Loslassen lernen

Oftmals machen wir uns abhängig von unserer gesellschaftlichen Position und den Erwartungen anderer, die wir auf uns selbst übertragen. Bewertungen spielen eine tragende Rolle in der westlichen Welt, nicht selten beeinflussen sie auch unser Selbstwertgefühl. Dabei sollte niemals der Weg zum Glücklichsein über das Nachkommen von Ansprüchen führen.

Sich von jeglichen Erwartungen freizumachen, loslassen zu lernen und einfach im Sein zu verweilen, ist ebenfalls Teil von Ikigai. Denn es geht nicht darum, etwas besonders gut zu machen, sondern es mit Hingabe zu tun. Anstatt über das Ergebnis der Arbeit nachzudenken, lässt man sich vollkommen auf den Moment ein – und findet so vielleicht in einen Flow-Zustand. In diesem spielen äußere Einflüsse wie Zeit keine Rolle, es zählt nur die tiefe Selbstversunkenheit in eine Tätigkeit. Ebenfalls oftmals bei spielenden Kindern zu beobachten. Ken Mogi fasst diese Säule in seinem Buch so zusammen: “Es ist interessant, dass die Negierung des Ichs Hand in Hand mit der Wertschätzung für die Gegenwart geht, im Einklang mit der Philosophie der Achtsamkeit.“ Ein Aspekt, der eng mit Säule 3 verwurzelt ist.

3. Im Hier und Jetzt sein

Wann leben wir wirklich im Hier und Jetzt im Alltag? Vielleicht mal während einer Mediation oder beim Yoga, aber oft kommt es sicherlich nicht vor. Dabei haben wir es alle als Kind gemacht. Während wir nachmittags gespielt haben, war unser Kopf weit entfernt vom Schlafengehen am Abend. „Die wichtigste Eigenschaft einer kindlichen Existenz ist das Leben in der Gegenwart, im Hier und Jetzt. Die gleiche Haltung ist entscheidend für ein kreatives Leben“, so Mogi in seinem Buch. Als erwachsener Mensch löst ein Gedanke oftmals sofort den anderen ab – und es sind viele dabei, die mit dem davor und danach zu tun haben, aber nicht mit dem Moment an sich. Doch wie soll man das Hier und Jetzt genießen, wenn der Kopf im gestern oder morgen verweilt? Je öfter wir uns Momenten vollkommen hingeben, desto präsenter ist diese Art der Wahrnehmung in unserem Leben. Und vielleicht sind Mediationen und Yoga-Einheiten der Beginn davon.

4. In Harmonie und Nachhaltigkeit leben

Der Begriff Nachhaltigkeit umfasst in dieser Säule weit mehr als nur Naturschutz. Es geht um die eigene Eingebundenheit in die Welt, welche die Natur, aber auch die Gemeinschaft in Gesellschaft und Familie meint. “Man sollte angemessene Rücksicht auf andere Menschen nehmen und sich der Auswirkung der eigenen Handlungen auf die Gesellschaft als Ganzes bewusst sein“, schreibt auch Mogi in seinem Buch. In der japanischen Philosophie haben egoistische Denkmuster keinen Platz, denn sie machen nur selten wirklich glücklich. Erst durch eine nachhaltige und rücksichtsvolle Lebensweise kann auch Harmonie im Leben entstehen. Harmonie, nach der wir uns vor allem als Kind sehnen. Viele japanische Künstler:innen übertragen die Harmonie auf ihr Handwerk wie Nagi bei der Replikation der Schale.

5. Die Freude an kleinen Dingen

Ein Kind nimmt die kleinsten Dinge wahr, hinterfragt sie, kann sich dafür begeistern. Ein Verhalten, das wir nur zu Teilen an unserem erwachsenen Ich beobachten – und dennoch schlummert es in uns und zeigt sich hin und wieder. Zum Beispiel wie bereits angesprochen in der Tasse Kaffee am Morgen, die uns direkt nach dem Aufstehen erwartet. Endorphine werden ausgeschüttet und tragen dazu bei, den Tag positiv und motiviert zu beginnen. Neben Glücksgefühlen hat nach Mogi die Freude an kleinen Dingen noch einen weiteren Impact: Denn “wenn man die kleinen Dinge bemerkt, wiederholt sich nichts.“ Sprich, je mehr wir die Details im Leben beachten, desto mehr wird uns die Einzigartigkeit jedes Augenblicks bewusst.

Ikigai: traditionell japanisch gekleidetes Mädchen läuft auf einer Treppe durch die Natur
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Mädchen in traditionell japanischer Kleidung

Kinderleicht ins Ikigai finden

Am Anfang erscheint es vielleicht nicht ganz einfach, all diese Säulen zur neuen Lebensphilosophie zu machen. Wie wäre es mit Teilzeit Ikigai, ganz im Sinne von Säule 1 „klein anfangen“? Folge deinen Leidenschaften, suche dir bewusst einen Moment aus, indem du Ikigai erleben möchtest und bleib dran.

Manchmal hilft es auch, sich einfach sich ins Kind sein zurückzuversetzen und zu fragen, wie hätte ich es in jungen Jahren gemacht?. Denn auch wenn wir uns seitdem weiterentwickelt haben, können wir in Bezug auf Ikigai doch einiges aus der Kindheit mitnehmen. Nicht umsonst gibt es die Redewendung „unbeschwert wie ein Kind“. Sich dem Hier und Jetzt in voller Pracht zu widmen, ist als Kind kein bewusster Akt, sondern ein Stadium, in dem wir uns ständig befinden. Ein Stadium, in dem wir von Neugier getrieben die Schönheit der Details sehen, in dem wir keine Leistungsansprüche an uns und andere stellen, in dem wir uns zwar nicht immer unserer Eingebundenheit in der Welt bewusst sind, aber stets nach Harmonie streben. Also erinnern wir uns doch beim Finden unseres eigenen Ikigais daran, dass das Potenzial dafür in uns schlummert und wir es lediglich erwecken müssen. Denn wie Ken Mogi in seinem Buch schreibt: „Möglicherweise macht uns Ikigai alle zu Peter Pans.“

Judith Püschner
Autorin Judith Püschner

Für Judith beginnt der Tag erst mit einer Tasse Kaffee am Morgen, die sie im Sommer auf ihrem Balkon mitten im Herzen von Köln genießt. Wenn sie nicht gerade an Yoga-Skills wie der Krähe arbeitet oder während einer Wanderung die kleinen Wunder der Natur entdeckt, kommt sie ihrer Passion, dem Schreiben, nach. Besonders begeistern sie die Themen Psychologie, Architektur und alles rund um Zeitgeist.

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