Zeitgeist

Community Kitchen: die Zukunft des Essens

Mit Deutschlands erster Community Kitchen rettet Günes Seyfarth Lebensmittel im großen Stil. Aus Wegwerf-Ware macht sie erschwingliches Essen für die Gemeinschaft

Zehn Jahre ist es her, dass Günes Seyfarth zum ersten Mal mit Lebensmittelrettern in Kontakt kam: „Es gab damals Menschen, die an Supermärkten Lebensmittel einsammeln, die sonst weggeworfen werden. Das war ein spannender und neuer Aspekt für mich, da ich bis dato nur die Tafeln kannte.“ Sie schloss sich diesen Menschen an: „Wenn du einmal gesehen hast, wie gut die Lebensmittel sind, die da weggeworfen werden, kannst du nicht mehr anders handeln.“

Günes ist auch Unternehmerin. Was sie anpackt, macht sie eine Nummer größer: Sie will das Retten der Lebensmittel so aufziehen, dass möglichst viele Menschen etwas davon haben. Zusammen mit Judith Stiegelmayr hat sie die Münchner Community Kitchen ins Leben gerufen – eine Großküche, die mit überflüssigen Lebensmitteln erschwingliche Gerichte für die Gemeinschaft kocht.

Aus „Müll“ Gerichte machen

Die Lebensmittel bekommt das Team des Community Kitchen inzwischen von aus allen Teilen der Wertschöpfungskette: von Erzeugern selbst, den Weiterverarbeitern oder von Großhändlern. Auch Supermärkte, Eventveranstalter und Restaurants beliefern das Community Kitchen. Und das braucht Platz. Auf 1000 Quadratmetern wird mittlerweile produziert und gelagert. „Daher sind wir hauptsächlich an Paletten-Ware interessiert. Diese Lebensmittel werden von uns weiterverarbeitet und als Teller-Gericht angeboten, als Catering für Kitas, Schulen und Unternehmen – oder als Mahlzeit im Schraubglas zum Mitnehmen“, erzählt Günes.

165 Tonnen – das sind die Mengen an essbaren Lebensmitteln, die im Stadtgebiet München weggeworfen werden. Täglich! „Allein letzte Woche haben wir 40 Tonnen Lebensmittel gerettet“, berichtet Günes. Um diese Mengen verarbeiten zu können, braucht es viele helfende Hände. Neben den Gründerinnen Günes Seyfarth und Judith Stiegelmayr sind das sechs Leute in der Küche sowie drei in der Gastronomie. Mehr als 50 weitere Menschen packen zudem in der Community Kitchen mit an. „Unsere Gerichte bestehen zu 97 Prozent aus geretteten Lebensmitteln. Der Rest sind Wasser, Öl und Gewürze, die wir den Speisen hinzufügen.“

Gerade beim Essen kann Klimaschutz Spaß machen – und dabei kann jeder helfen. „Sei mutig: Wirf das, was du im Kühlschrank übrighast, zusammen und schau, was dabei rauskommt – vielleicht dein neues Lieblingsgericht“, regt Günes an. „Und für Partys: Bereite doch weniger vor. Wir neigen dazu, mit dem Buffet zu übertreiben. Die Hälfte hätte es in den meisten Fällen auch getan.“ Bleibt nur ein kleiner Rest vom Essen übrig, landet der oft im Müll – und den könnte man doch weiterverarbeiten. Das ist immer besser, denn: „Wenn jeder eine Handvoll wegwirft, macht das zusammen einen tonnenschweren Berg.“

Das Phänomen der einsamen Banane

Ursache der vielen Tonnen Lebensmittel, die unnötig in den Müll wandern: Wir alle. Beziehungsweise unser Verhalten: „Einzelne Bananen werden zum Beispiel ungerne gekauft“, erklärt Günes. „Wenn Leute im Supermarkt vier Bananen kaufen möchten, greifen sie meist zu den noch zusammenhängenden Bananenbündeln und trennen die Menge ab, die sie nicht brauchen, anstatt sich einfach die einzelnen zu nehmen.“ Das Ergebnis: Immer mehr einzelne Bananen liegen herum – die keiner kaufen möchte und am Ende weggeworfen werden.

Laut drawdown.org, einer Website mit Alltags-Tipps für den Kampf gegen die Erderwärmung, würde es dem Klima enorm helfen, wenn wir unser Essen besser einsetzen würden. „Mehr Wertschätzung für Lebensmittel steht an dritter Stelle beim Klimaschutz“, sagt Günes. Wie kann jeder von uns dazu beitragen? Günes fasst die drei wichtigsten Erkenntnisse zusammen: „Bewusst einkaufen statt impulsgesteuert. Besser nur mit Einkaufszettel – um wirklich nur das zu kaufen, was man auch tatsächlich verbrauchen kann. Satt einkaufen: Hungrige Menschen kaufen mehr, was zu mehr Lebensmitteln in der Tonne führen kann.“

Die Botschaft, die Günes Seyfarth Erwachsenen und Kindern vermitteln möchte, geht übers Essen hinaus. „Nicht nur unser Obst und Gemüse soll perfekt aussehen – auch wir selbst. Social Media verstärkt das Streben nach Perfektion. Unser Auge wird genormt und gewöhnt sich an die Bilder.“ Die Community Kitchen ist ganz bewusst anders: Lebensmittel und Menschen dürfen hier unperfekt sein und Fehler machen. „Durch das Beobachten von Kindern habe ich verstanden: Fehler sind ein wichtiger Teil ihrer Entwicklung“, sagt Günes. „Würden sie sich nach dem Hinfallen denken: Das war ein Fehler, das mach ich nicht nochmal – sie würden nie laufen lernen. Im Community Kitchen darf jeder Fehler machen.“

Günes Seyfarth community kitchen

Gemeinsam essen, nachhaltig konsumieren, Günes Seyfarth hat die erste Community Kitchen in Deutschland gegründet

Nachhaltig Lebensmittel kaufen

Produkte wählen, die bio sind, fair gehandelt wurden und keinen Verpackungsmüll produzieren? Die Idee ist gut, aber unsere Lebenswirklichkeit oft noch nicht bereit. Wir zeigen dir mit welchen alltagstauglichen Tricks du trotzdem schon weit vorn mit dabei bist.

1. Food Waste vermeiden

Gehe nicht hungrig einkaufen. Es passiert schnell, dass du dann viel mehr kaufst als benötigt. Mach dir einen Essensplan. In Unverpacktläden kannst du vieles in den Mengen kaufen, die du wirklich brauchst – ohne Einmal-Verpackungen aus Plastik.

2. Regionale Produkte in lokalen Läden kaufen

Lange Transportwege schädigen die Umwelt. Exotische Lebensmittel sind häufig mit hohen Kosten für Herstellung, Transport und Lagerung verbunden. Achte darauf, dass die Produkte auch gerade Saison haben. Dafür gibt es entsprechende Kalender. Besonders in den kleinen Läden oder auf Märkten werden häufig regionale Produkte in hoher Qualität angeboten. Auch lokale Lieferdienste, wie die Ökokiste oder die Marktschwärmerei, sind tolle Optionen, wenn nicht viel Zeit zum Einkaufen bleibt. Wenn es mal was Besonderes sein soll – achte auf das „Fair Trade“-Siegel. Dann kannst du sicher sein, dass die Hersteller in ihrer Lieferkette bestimmte ethische Ansprüche garantieren.

3. Fleisch, Fisch und Milch nur in Maßen

Diese Produkte haben erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt und verbrauchen in ihrer Herstellung mehr Ressourcen als pflanzliche Alternativen. Darum lohnt es sich, den Konsum auf ein gesundes Maß zu reduzieren. Achtung: Wer auf Milchprodukte verzichtet, sollte Kalzium supplementieren. Wer auf Fleisch ganz verzichtet, sollte darauf Wert legen, regelmäßig pflanzliche Proteine sowie Vitamin B12 zu sich zu nehmen. Fisch ist bekannt für seine gesunden Omega-3-Fettsäuren. Leinensamen bieten die auch.

4. Müll, nur wenn es sein muss

Bring deine eigenen Stofftaschen und Behälter zum Einkaufen mit und wähle lose Produkte. Damit kannst du durch deine Kaufkraft helfen, die weltweite Belastung durch Plastik zu reduzieren. Besonders in kleineren lokalen Läden oder Märkten kannst du häufig unverpackt einkaufen. Wenn es Frischetheken gibt, kaufe dort deine Produkte, denn hier kannst du oft deine eigenen, mitgebrachten Behälter nutzen.

5. Trinke Leitungswasser

Du reduzierst deinen ökologischen Fußabdruck, wenn du dich aus dem Wasserhahn bedienst. In Europa gelten hohe Qualitäts- und Sicherheitsstandards für Wasser. Fehlt dir die Kohlensäure, kann ein Sprudelgerät-Abhilfe schaffen. Wenn du Lust auf ein spezielles Getränk hast, schau dass du es in einer Mehrweg-Pfandflasche kaufst. Nicht jede Pfandflasche ist das. Mehrweg erkennst Du immer an dem Symbol „Blauer Engel“ oder „Mehrweg – für die Umwelt“ mit dem blauen Kreis.

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