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Gesellschaft

Mieten statt Kaufen: Macht Share Economy Besitz überflüssig?

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Ist der Gedanke von Besitz veraltet? Immer öfter zahlen wir nur noch für die Nutzung des Produktes und nicht für den Besitz. Doch wie weit kann diese Sharing Economy gehen, welche Vor- und Nachteile hat sie und wie nachhaltig ist sie wirklich?

Was ist Sharing Economy?

Es ist nur ein kurzer Handgriff und der Laptop ist zugeklappt. Feierabend. Während die Gedanken sich bereits darum drehen, was es zu Essen gibt, fährt der Daumen wie automatisch über den Screen des Smartphones. Dieser Song ist jetzt genau richtig. Während die ersten Töne erklingen, steigt die gute Laune. Mit Bikesharing noch kurz zum Sport und dann ab auf die Couch. Vielleicht heute doch mal ein Film statt der Serie suchten? Mit einem Touch öffnet sich die passende Entertainment-App und mit ihr eine riesige Auswahl an Filmen und Serien.

Der Gedanke für Dienstleistungen beziehungsweise ausschließlich für die Nutzung und nicht den Besitz des Produktes zu zahlen, hat sich in einigen Bereichen unseres Lebens etabliert. Ganz im Sinne der Share Economy. Doch was meint eigentlich Share Economy genau? Share Economy, oder auch als Sharing Economy bekannt, bedeutet die gemeinsame Nutzung von Gütern. Möglich wird das durch Teilen, Tauschen, Leihen, Mieten oder Schenken sowie die Vermittlung von Dienstleistungen.

Wertewandel: mit Sharing Economy Selbstverwirklichung statt Sicherheit

Dazu zählen nicht nur Streaming-Abos. Ein Großteil der Menschen im urbanen Raum lebt in Mietwohnungen. Natürlich auch dem geschuldet, dass sich kaum einer mehr eine Immobilie leisten kann. Allerdings kommt noch eine zweite Komponente hinzu: Während noch vor einiger Zeit, Familie gründen, Haus kaufen und den Rest des Lebens dort verbringen, dem klassischen Lebensstil entsprach, ist heute das Wohnen an verschiedenen Orten immer öfter eine Option.

Share Economy: Wohnung mieten statt kaufen
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Mieten statt kaufen – bei Wohnraum ist das heutzutage Standard.

Tatsächlich lässt sich ein Wertewandel in der Gesellschaft und den unterschiedlichen Generationen erkennen. Lange zählte Sicherheit und damit auch einhergehend Besitz. Grund und Gut standen mit an erster Stelle, wenn es um das Erreichen von Lebenszielen ging. Heute gibt es auch neue Möglichkeiten der Sicherheitsanlagen – wie das Investieren in Aktien. Doch die Sicherheit steht nicht mehr im Zentrum: Bei einem Großteil der Bevölkerung ist das Sicherheitsbedürfnis gedeckt und lässt sie in der Maslowschen Bedürfnishierarchie höher streben. Sich selbst Verwirklichen, darum geht es – und das passiert weniger durch Besitz als durch neue Erfahrungen.

Angetrieben wird dieser Wertewandel von einem weiteren Aspekt: Profilieren hat nicht mehr nur was mit Besitz und Reichtum zu tun. Erlebnisse, Erfahrungen, Reisen – das ist die neue Währung, angeheizt durch Social Media.

Share Economy: Heißluftballons über fantastischen Hügellandschaft
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Erlebnisse wie Heißluftballonfahrt teilen – in den letzten Jahren stehen die Erfahrungen und weniger der Besitz im Vordergrund.

Share Economy: SUP-Reiseerlebnis teilen von
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Auch auf Social Media werden vor allem Reisen und Erlebnisse und weniger der Besitz präsentiert.

Mieten statt kaufen: Welche Mietmodelle gibt es?

Ein Mindset-Wandel, der dem Gedanken des Mietens die Türen öffnet. Schließlich macht Mieten möglich, Dinge zu nutzen, wenn man sie braucht. Das spart oftmals Geld und müllt das Eigenheim nicht mit einer Vielzahl an Gegenständen zu. Es gibt immer mehr Branchen, welche die Dienstleistung in den Vordergrund stellen und Produkte zum temporären Bedarf anbieten – darunter Fashion, Technik, Mobilität und Kunst. Auch vom Vermieter beziehungsweise der Vermieterin gestellte Möbel und eine Küche können in der Miete inkludiert sein.

Sharing Economy als Abo

Digitale Streaming-Abos bieten ein riesiges Angebot auf einer Plattform. Ein paar Klicks und schon erscheint der neue Blockbuster auf dem Bildschirm im Wohnzimmer. Und auch hier kann man teilen: Mehrere Profile bei einem Abo senken die monatliche Gebühr. Nicht nur digital gibt es Abos, auch analog lassen sich zum Beispiel Fahrräder und Autos abonnieren.

Einem ähnlichen Prinzip folgt Kunst auf Zeit: Dabei können Kunstwerke für einen bestimmten Zeitraum gemietet werden, anstatt sie kaufen zu müssen. Bei den oftmals hohen Preisen eine echte Möglichkeit für Kunstliebhaber:innen mit weniger Geld. So muss man sich auch nicht auf ein Kunstwerk festlegen, sondern hat eine Art temporäre Kunstausstellung bei sich zu Hause. Der Mietpreis richtet sich nach der Größe, dem Wert und der Beliebtheit des Kunstwerks sowie nach der Länge der Mietdauer.

Mieten für den Augenblick: Vor- und Nachteile

Aber nicht alles braucht man als Abo. Es gibt jede Menge Angebote, die darauf ausgerichtet sind, ein Produkt für den Fall der Fälle anzubieten. Nur weil man ein Tauchkurs macht, muss man nicht direkt eine ganze Ausrüstung holen. Einmal auf einer Feier fotografieren, bedarf keine eigene Kamera. Zudem bedeutet Mieten Flexibilität – jedenfalls in den meisten Fällen: Man kann das Produkt für einen bestimmten Zeitraum nutzen und es dann einfach zurückgeben, ohne sich um Wartung oder Reparatur kümmern zu müssen. Nachteil: Manchmal ist eine gewisse Planung und einen zeitlichen Vorlauf notwendig. Zudem ist man auf die Verfügbarkeit des Produkts angewiesen. Beim Bike- oder Carsharing kann man zudem nicht überall hinfahren und dort parken. Ein großer Vorteil jedoch: Mieten oder Leihen bietet die Möglichkeit, sich Wünsche zu erfüllen, die man sich bei einer Anschaffung nicht leisten könnte.

Share Economy: Smartphone mit Sharing Apps
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Share Economy übers Smartphone dank zahlreicher Apps.

Share Economy: Frau leiht Fahrrad
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Besonders im urbanen Raum muss es nicht immer das Auto sein: Bikesharing gewinnt an Beliebtheit.

Teilen und Leihen im digitalen Zeitalter

Die Wohnung teilen – das machen viele, jedenfalls, wenn man selbst ausgeflogen ist. Immer mehr Menschen stellen während ihres Urlaubs oder längeren Auslandaufenthalts ihre Wohnung bei Anbietern wie Airbnb rein. Für beide Seiten eine Win-Win-Situation, solange der Vermieter, die Vermieterin damit einverstanden ist.

Natürlich gibt es auch noch andere Plattformen und Apps, die Teilen und Leihen möglich machen. Hilfreich sind solche digitalen Anbieter in der anonymen Großstadt allemal. So bietet Sharely zum Beispiel eine Plattform zum Ent- und Verleihen von Alltagsgegenständen. Praktisch ist das insbesondere bei Werkzeugen, schließlich braucht man die teuren Geräte meist nur alle paar Jahre. Und auch in Sachen Mobilität ist Sharing Goldwert: Es gibt immer mehr Bike- und Carsharing Plattformen, die Mobilität zum Mieten offerieren: von Anbietern wie BlaBlaCar, die eine Mitfahrt ermöglichen, über Bikesharing mit Gepäck (Carvelo2Go) bis hin zu Apps wie Sharoo, über die man Autos mieten und das eigene Auto vermieten kann.

Leasing, Abos und Carsharing: Mobilität statt Auto

Das Produkt als Dienstleistung verstehen – das kommt auch bei den Autoherstellern selbst an. Lynk & Co produziert zwar Autos, sieht sich aber mit ihrem Geschäftsmodell mehr als Mobilitätsmarke. Im Interview mit Lynk & Co Chef und Gründer Alain Visser verrät er: „Früher waren Autos und Mobilität das gleiche, aber ich glaube, diese Einstellung wandelt sich – auch wenn es noch ein paar Jahre dauern wird. Das Besitzen eines Autos wird out sein – ein Wertewandel, der sich bereits heute erkennen lässt.“ Über Jahrzehnte hat er im Marketing zahlreiche Erfahrung in der klassischen Auto-Branche gesammelt. Mit dem Geschäftsmodell von Lynk & Co möchte er das dort verankerte klassische Denken revolutionieren. Schließlich zeigen auch die Zahlen, dass das eigene Fahrzeug über 90 Prozent der Zeit nur rumsteht. Auch wenn die Newcomer Marke selbst Hybrid-Autos produziert und diese zum Kauf anbieten, steht bei ihnen Carsharing im Vordergrund: Sie bieten sowohl ein Monatsabo als auch die Option zu leihen – ähnlich wie Share now. Denn Alain ist überzeugt: „Bei der Mobilität der Zukunft geht es um Mobilitätsmarken, nicht um Autohersteller. Sprich: Du nutzt nicht den Toyota Prius, sondern Uber. Die Dienstleistung wird wichtiger sein als das Produkt. Wenn die Autohersteller wie bisher weiter machen, werden sie von den Dienstleistungsanbietern überholt. Deshalb ist meine Vision von Lynk & Co eine Dienstleistungsmarke mit einem Produkt zu sein, anstatt ein Produkthersteller mit einem Dienstleistungsangebot.“

Sharing Economy – eine Frage der Generation

Wenn Alain Visser in die Zukunft blickt, sieht er grüne Städte statt volle Parkplätze und Seitenstreifen, wo sich Autos wie in einer Warteschlange aneinanderreihen. „Wir haben vor einiger Zeit eine Studie inklusive Visualisierungen gemacht, wie die Städte mit weniger Autos aussehen würden. Viel grüner, viel cooler.“ Ein Szenario, das auch die Lebensqualität von Stadtbewohner:innen einzahlen würde. Im Moment ist die Einstellung zu „Mieten statt kaufen“ oftmals noch eine Generationsfrage: „Für die älteren Leute wird es ein Kompromiss sein, weil sie es kennen, ein Auto zu besitzen. Für die jüngeren Leute dagegen ist es kein Kompromiss. Sie sind auch ohne Auto immer noch genauso mobil und müssen zudem keinen Parkplatz suchen.“ Alain ist sicher, in den kommenden Jahren wird sich Mobilität wandeln wird – allein schon wegen der notwendigen Verkehrswende.

Mieten und Leihen im Sinne der Nachhaltigkeit

Wirft man einen Blick auf das Mieten und Leihen in Bezug auf die Nachhaltigkeit, so wird schnell klar: es wird gespart – an Ressourcen, an Müll und Emissionen. Entertainment-Plattformen sind nicht nur praktisch, sondern sparen Materialien ein, die sonst für die Produktion von CDs, DVDs und deren Verpackung draufgehen. Und damit ebenfalls Emissionen, die bei der Herstellung und Lieferung anfallen. Auch bei anderen Alltagsgegeständen macht es durchaus Sinn, diese zu leihen: Zum Beispiel ein Abendkleid für ein Event oder ein Buch, das nach einmaligen Lesen im Schrank verstaubt. So trägt man zum Schonen von Ressourcen und der Reduktion von Müll bei.

Sharing is caring – ein Sprichwort, das sich in Bezug auf die Umwelt tatsächlich bewahrheitet. Wenn sich Sharing Economy immer weiter etabliert, wären Unternehmen gezwungen, bei den Produkten auf Langlebigkeit zu setzen. Schließlich wollen sie diese möglichst lange weitervermieten und Abogebühren hereinholen.

Sharing Economy in Zukunft

Wird unsere Gesellschaft in zehn Jahren besitzfrei leben? Geteiltes Hab und Gut ist nachhaltig. Dennoch wird Geld nach wie vor eine zentrale Rolle spielen und so auch teurer Besitz als Wertanlage weiterhin genutzt werden. Es ist dennoch anzunehmen, dass Sharing Economy weitere Impulse in der Gesellschaft und Wirtschaft setzt. Denn allein aus Gründen der Nachhaltigkeit wird Share Economy wachsen und immer mehr Unternehmen und Plattformen mit ihren Geschäftsmodellen darauf reagieren müssen. Carsharing und Auto-Abos werden herkömmliche Leasing-Modelle zunehmend ablösen.

Dennoch darf man nicht vergessen: Besitz vermittelt ein Gefühl von Sicherheit, Zugehörigkeit, Zuhause und Kontrolle. Schwer vorzustellen, sich von allen Besitztümern und diesen zusammenhängenden Gefühlen zu trennen. Auch wenn Dienstleistungen ihr Komforterlebnis zunehmend ausbauen werden, können sie nicht in jedem Bereich die Annehmlichkeiten des Besitzens abdecken. Es ist also ebenfalls eine Frage des Komforts, den nicht jede:r bereit ist aufzugeben. Doch kann man davon ausgehen, dass es immer normaler wird, Dinge zu mieten statt kaufen – besonders wenn durch neue Innovationen die Vorteile des Mietens überwiegen.

Judith Püschner
Autorin Judith Püschner

Judith liebt das Leben mitten in der Metropole Köln. Ihr Gespür für spannende Storys führt sie regelmäßig zu außergewöhnlichen Themen mit aktuellem Zeitgeist. Schon seit ihrer Kindheit folgt sie ihrer Passion, dem Schreiben; seit zwei Jahren nun auch als Redakteurin. Besonders begeistern sie die Themen Psychologie, DIY und Yoga. Bereiche, über die sie als Online-Redakteurin schreibt und die sie gerne ihrer Freizeit ausübt. Ein Gespür für ästhetische Einrichtung besitzt sie bereits seit ihrem Studium im Bereich Design. Seither entdeckt sie immer wieder neue Design-Innovationen und einzigartige Architekturen, über die sie auf kronendach berichtet. 

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